Geeint geschwächt?
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Schwindender französischer Einfluss
Demgegenüber wurde die Delegation des Staatspräsidenten, die 2019 numerisch gleich stark wie das RN (23 Abgeordnete) ins EU-Parlament einzog, mit 14,6 % (13 Abgeordnete) deutlich zurückgedrängt. Der Spitzenkandidatin des Wahlbündnisses Besoin d’Europe, Valérie Hayer, droht nun, den Vorsitz über die liberal-zentristische Fraktion Renew zu verlieren. Macron ist eindeutig geschwächt. Weder wird er seinen Wunschkandidaten Mario Draghi als Kommissionspräsidenten durchsetzen, noch eine ähnlich prominente Platzierung Frankreichs bei der Postenvergabe erreichen können. Mit Thierry Breton, dem Binnenmarktkommissar, war ihm vor fünf Jahren ein Schlüsselportfolio zugekommen. Frankreich würde gerne den vermutlich neu zu schaffenden Kommissarposten für Verteidigung bekleiden, doch an Aspiranten (etwa Klaus Johannis) mangelt es nicht. Lediglich die Sozialisten unter Raphaël Glucksmann (Place Publique) konnten bei den Wahlen als proeuropäische Kraft punkten (13 Abgeordnete): Nun erhoffen sie sich am 30. Juni sowie 7. Juli einen neuen Auftrieb. Ob das proklamierte Linksbündnis der ehemals gescheiterten NUPES bis dahin hält, ist jedoch ebenfalls unsicher.
CDU/CSU als Königmacher
In Deutschland hat die AfD den Regierungsparteien den zweiten Platz hinter der CDU/CSU streitig gemacht und ihr bislang bestes Ergebnis bei einer überregionalen Wahl erzielt. Dadurch, dass sie aus der ID-Fraktion auf Drängen des RN aber ausgeschlossen wurde, sind ihre 16 Abgeordneten isoliert. Trotz Ausschluss der umstrittenen Listenplätze 1 und 2, Maximilian Krah und Petr Bystron, scheint das RN nicht dazu aufgelegt, die AfD wieder in ihre Reihen aufzunehmen, auch wenn dies andere ID-Parteien, allen voran die FPÖ, anders sehen. Zu groß ist die Sorge, dass dies von den französischen Wählern nicht quotiert werden würde, da das RN im Sinne seiner Normalisierungsstrategie beharrlich darauf bedacht ist, nicht mit zu rechtsextremen völkischen Parteien in Verbindung gebracht zu werden. Eins steht dennoch schon fest: Trotz des Ausschlusses der AfD hat die ID-Fraktion durch das Erstarken des RN und der FPÖ insgesamt ihre Stellung behaupten können und sogar leichte Zugewinne verzeichnet.
Die SPD, die bereits 2014 ihr historisch schlechtestes Ergebnis einfuhr (15,9 %), wurde zwar von den Wählern mit einem Verlust von 1,9 % (- 2 Sitze, 14 Abgeordnete) abgestraft. Sie hielt sich aber genau wie die Liberalen (- 0,2 %, 5 Abgeordnete) stabil. Die eigentlichen Verlierer sind die Grünen, die mit über 8 % Stimmenverlust (12 Abgeordnete) einen deutlichen Aderlass verzeichnen. Demgegenüber konnte die CDU leicht an Stimmen gewinnen und ist mit 29 Abgeordneten dominante Kraft in der EVP-Fraktion. Sie wird damit entscheidend die Weichen bei den anstehenden Verhandlungen innerhalb der Fraktionen und nationalen Delegationen um Spitzenposten innerhalb des EP (Präsidenten, Vizepräsidenten, Quästoren, Zuschnitte der Ausschüsse, Ausschussvorsitzende) stellen und mit der voraussichtlichen Wiederwahl von der Leyens auch in der Kommission weiterhin prominent vertreten sein.
Einfluss der Europawahlen auf das deutsch-französische Tandem
Damit gehen die Regierungsparteien in Deutschland und Frankreich geschwächt aus diesen Wahlen hervor und in Deutschland wird mit Sorge, wenn nicht Panik, die Möglichkeit einer Kohabitation unter Jordan Bardella betrachtet. Sollte er an die Macht kommen, würde der französische Präsident zwar grundsätzlich weiterhin einen wichtigen Spielraum über die außen- und europapolitischen Entscheidungen behalten (domaine reservé). Die nationale Verteidigung wäre aber Angelegenheit des Premierministers, wodurch interne Streitigkeiten vorprogrammiert sein dürften. Zudem würde das RN in wichtigen Feldern wie der industriellen Zusammenarbeit, der Energie- und Wirtschaftspolitik versuchen, die Regierungsarbeit mit eigenen Akzenten entscheidend zu prägen. Hier wäre vor allem ein wesentlich protektionistischerer Kurs zu erwarten, immer wieder hat das RN mit der nationalen Bevorteilung französischer Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen Wahlkampf betrieben. Nicht zuletzt ist die Partei mit Spitzen gegen Deutschland aufgefallen, so beim gemeinsamen europäischen Strommarkt, aus dessen Regeln das RN austreten will, oder im Bereich wichtiger verteidigungspolitischer Projekte wie dem Deutsch französischen Flugabwehrsystem FCAS. Das RN sieht die Entwicklung einer europäischen Verteidigungsindustrie grundsätzlich konträr zu seinem Verständnis französischer Souveränität.
Gemeinsam die strategische Agenda der EU definieren
Dass Emmanuel Macron Ende April mit seiner zweiten Sorbonne-Rede mit einer ganzen Batterie an Vorschlägen aufwartete, war ein günstiger Moment, um die französischen Prioritäten (Verteidigung, Wettbewerbsfähigkeit, Schutz der Demokratie) für die Definition der sogenannten Strategischen Agenda der EU zu unterbreiten. Diese legt den Fahrplan für die nächsten fünf Jahre der Europäischen Kommission fest. Auch der Staatsbesuch Macrons in Deutschland machte dies deutlich: Massive Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Quantencomputing und KI seien nötig, um den Verzug der EU im Wettbewerb mit den USA und China aufzuholen. Und angesichts einer möglichen Wiederwahl Trumps müssen die Fortschritte im Bereich der europäischen Verteidigungsindustrie erheblich intensiviert werden. Die Harmonisierung der Streitkräfte, eine massive Aufstockung des europäischen Verteidigungsfonds und mehr gemeinsame Beschaffung seien ebenfalls nötig, um die EU als eigenständigen Sicherheitsakteur zu entwickeln. Mit dem Abhalten des letzten deutsch-französischen Ministerrats wurden entscheidende Weichen für diese zwei Prioritäten der europäischen Verteidigungs- und Wettbewerbspolitik gestellt. Im „gemeinsamen Impuls für eine neue Agenda zur Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit“ wird insbesondere das Heben privater Gelder betont, die Umsetzung einer Kapitalmarktunion und der Versailles-Agenda („Verteidigung, Energie, kritische Rohstoffe, digitale Technologien, Halbleiter, Gesundheit sowie die Agrar- und Ernährungsindustrie“), die Förderung grünen Wachstums, Entbürokratisierung, industriepolitische Kooperation und der Abbau von Hindernisses des Binnenmarkts gefordert. Es bleibt nun zu hoffen, dass die Parlamentswahlen diese konstruktive Zusammenarbeit nicht völlig zunichtemachen.
Dieser Beitrag ist Teil einer Diskussion, die im März von Gérard Araud und Ulrike Franke eröffnet und von Jean-Marie Magro sowie Klaus Hoffmann fortgeführt wurde.
Jeanette Süß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) beim französischen Institut für internationale Beziehungen (Ifri) in Paris. Sie ist Teil des zweiten Jahrgangs von Generation Europa, einem deutsch-französischen Nachwuchsnetzwerk.
- Lesen die Publikation von Eileen Keller, Marie Krpata, Jeanette Süß: Zur Studie geht es hier: "Europawahlen 2024 in Deutschland und Frankreich: Zwischen nationalem Reflex und vertiefter Integration", Aktuelle Frankreich-Analysen, Nr. 41, Juni 2024 (PDF).